Rauschgift-Omi
Mit quietschenden Reifen hält ein grauer Volkswagen vor dem Fenster meines Büros. Die Fahrerin: Eine bestimmt 70-jährige Omi. Von dem heiklen Bremsmanöver noch beeindruckt, erstaunt mich der Anblick des dahinter zum Stehen kommenden Audis noch mehr: Vier uniformierte SEK-Beamte entsteigen der Limousine und kreisen den VW ein. Zu schnell gefahren? Am Steuer eingepennt? Nein. Eine Drogenrazzia, bestimmt. Die Blicke der Beamten sind düster.

Die Omi steigt aus und wirkt hilflos. Aber wen wundert’s, wenn man in dem Alter nochmal sieben Jahre Knast vor Augen hat, denke ich. Die Beamten stehen breitschultrig und martialisch neben der kleinen Rentnerin. Jetzt geht’s ihr an den Kragen, so viel steht fest. Die SEK-Kräfte deuten auf den Kofferraum: Aufmachen. Jetzt.
Die Großmutter ergibt sich in ihr Schicksal und öffnet langsam die Klappe des Fließhecks. Mit argwöhnischem Blick stehen die Beamten vor dem vermutlich größten Fund ihrer bisherigen Karriere. Ich sehe die Meldungen der Lokalpresse schon vor mir. “Rauschgift-Oma zur Strecke gebracht”, “Crack im Altersheim”, “Doppelherz und Kokain”, oder so was.
Die Dame plappert jetzt auf den bei ihr stehenden Polizisten ein. Jaja, da hilft jetzt auch kein Reden mehr. Die Ausreden kennen wir schon. Die Gewalttäter werden immer jünger, ja, aber bei Drogen stehen die Rentner ihnen in nichts nach. Sein Kollege greift jetzt mit beiden Armen in den Kofferraum, und als sich dort nichts bewegt, klettert er beinahe ganz hinein, und zieht mit ruckartigen Bewegungen an etwas. Ein doppelter Boden, bestimmt, und darunter kiloweise Kokain in durchsichtigen Beuteln, Heroin, Crack, was weiß ich. Der VW wackelt unter der ungewohnten Belastung. Die beiden verbliebenen Kollegen grinsen, scherzen, ja warum denn bitte, denke ich, das ich doch ein ernstes Thema, die Oma schwitzt bestimmt schon Blut und Wasser – da haben die Mühen des Manns im Kofferraum Erfolg. Triumphierend hält er den Fund in die Luft: Ein Ersatzreifen.

Ein anderer Beamter hat einen Wagenheber schon in der Hand. Und binnen Minuten ist der offenbar defekte rechte Vorderreifen gegen das Ersatzstück mit gelbem Warnhinweis ausgetauscht. Das machen wir doch gern, kein Problem, liebe Dame, bittesehr, gute Fahrt, aber direkt zur Werkstatt bitte, ja?
Eine neugierige Radfahrerin hält bei den Autos an, glotzt, fährt dann weiter. Einer der SEK-Beamten schimpft hinter ihr her. Einfach so quer über die Straße mit dem Fahrrad, ohne links und rechts zu gucken, das geht nunmal nicht.

Seit ich von der SZ zur FAZ konvertiert bin, habe ich freitags immer so ein leichtes Gefühl des Vermissens. Diese kunstvoll geschriebenen, leichten Geschichtchen des Magazins, die gibt es zwar auch aus Frankfurt, aber nicht unbedingt freitags. Wenn solche fortan von Listen Up! geliefert würden, begrüßte ich das sehr. Chapeau!
Hendrik am 3. August 2007 um 19:13 Uhr
yo, für mehr leserreporterblogs!
britta am 6. August 2007 um 19:48 Uhr
Zugabe, Herr Hazel!
Lütti am 7. August 2007 um 3:28 Uhr
Jetzt ist sie doch noch erwischt worden:
http://www.sueddeutsche.de/,ra2m1/panorama/artikel/136/127928/
Stefan am 13. August 2007 um 22:30 Uhr