To Boycott Or Not To Boycott
Ich bin innerlich ganz und gar zerrissen. In diesen Tagen verschickt die Uni Münster die aktuellen Rückmeldungsbescheide, nicht ohne auf den beigelegten Gebührenbescheid, der 275 Euro für das kommende Wintersemester einfordert, zu verzichten. Frist zur Begleichung der Forderung: der 13. Juli 2007, Vorlesungsende des Sommersemesters.
Nicht zahlen!, schreit der AStA der Uni Münster, und fordert alle Studierenden auf, sich an einem Boykott der Studiengebühren zu beteiligen.
Das ist also die Frage. Sollte man sich als Student der Uni Münster daran beteiligen?
Zum Hintergrund: Ab dem Wintersemester 2007/08 erhebt die Uni Münster allgemeine Studiengebühren in Höhe von 275 Euro. Entschieden hat dies der Senat der Uni nach diversen Anläufen in einer denkbar knappen Entscheidung mit 12 zu 11 Stimmen. Vor allem aber: So wurde von den zuständigen, demokratisch legitimierten Stellen entschieden. Dazu mag man politisch denken, was man will: Korrekt abgelaufen ist diese Entscheidung allemal.
Nun stellt sich der AStA der Uni Münster dagegen, und fordert den Boykott der Gebühren. Werde das bei einer Vollversammlung festgelegte Quorum von 9.600 Beteiligten erreicht, könne man “mit dem Rektorat Verhandlungen aufnehmen, damit Studiengebühren an der Uni Münster wieder abgeschafft werden”. Spezifiziert wird dies aber nicht. Überhaupt ist zu bemerken, dass bei all dem Wirbel um den Boykott, der mit professionell gestalteten Werbemitteln unterstützt wird, sehr unklar bleibt, wie die Erfolgsaussichten einer solchen Verhandlungsrunde überhaupt aussähen.
Dennoch: Wie kann man als Student den Boykott für sich rechtfertigen?
Widerstand? Ziviler Ungehorsam?
Gegen letzteres spricht folgendes Argument: Wenn man zivilen Ungehorsam als Widerstand gegen ein staatlich oktroyiertes Verhalten aufgrund von Gewissensvereinbarkeit interpretiert, muss man den Einzelnen nach seinen genauen Beweggründen fragen.
Zwar wird von den Boykottbefürwortern (hier: der AStA) stets das höhere Ziel einer allgemeinen Abschaffung von Studiengebühren genannt, doch der Einzelne wird, so meine Annahme, stets nur seinen persönlichen finanziellen Vorteil im Blickfeld haben. Die Devise lautet: Ich will nicht zahlen! – Was mit den anderen geschieht, ist den meisten freilich ziemlich egal.
Dafür spricht etwa die häufig anzutreffende Aussage bereits examinierter Studenten, die nur aus verwaltungstechnischen Gründen noch für ein letztes Semester immatrikuliert sind, eine Beteiligung am Boykott lohne sich für sie ja nun nicht mehr. Solidarität, so scheint es, ist den meisten angehenden Akademikern ein Fremdwort.
Und auch, wenn dies immer wieder genannt wird: Eine politische Auswirkung auf andere Universitäten würde ein erfolgreicher Boykott höchstwahrscheinlich nicht haben. Dafür stehen die politischen Konstellationen derzeit schlicht nicht günstig. Gleichzeitig ist die Selbstüberschätzung des AStAs diesbezüglich vermutlich nie größer gewesen.
Der Boykott ist also moralisch kaum zu rechtfertigen. Die Situation des Einzelnen wird dennoch dazu führen, dass voraussichtlich einige tausend Studenten ihre Studiengebühren an den AStA überweisen. Das Quorum von knapp 10.000 Einzahlern werden sie aber kaum erreichen.
Aktueller Stand (Montag, 9.7.) der Einzahlungen auf dem AStA-Boykottkonto übrigens: 2364.

Na aber bei der Argumentation ist die Entscheidung doch klar. Und bei dem Zwischenergebnis erst recht: Nicht an den AStA überweisen. Keine Konzepte – kein Geld
Best Wisches am 9. Juli 2007 um 20:29 Uhr
son quark. ich habe z.b. auch solidarisch die soziologie-aktion unterschrieben und was bringt mir die?
ich versteh auch deine argumentation nicht so ganz. die anderen haben nur sich selbst im blick? und du? entweder du bist gegen studiengebühren, dann überweist du an den asta, oder du bist dafür, dann überweist du direkt an die uni. und gehst dabei kein risiko ein, weil das geld im schlimmsten fall eh bei der uni, und im besten fall wieder bei dir landet. “ich will nicht zahlen” ist dabei ein genauso gutes argument wie “ich will nicht, dass die anderen zahlen müssen”.
britta am 10. Juli 2007 um 14:25 Uhr
@Britta: Solidarität bedeutet doch gerade ein Engagement, ohne dass es einem persönlich etwas bringt. Die Bereitschaft hierzu mag bei Online-Petitionen, bei denen der “Erfolg” nur einen Tastendruck entfernt ist, noch hoch sein. Sobald es aber die eigenen (finanziellen) Belange angeht, sieht das bei den meisten schon schlechter aus.
Und auch deine restliche Argumentation vereinfacht die Dinge meiner Ansicht nach zu sehr: Ich kann sehr wohl gegen Studiengebühren sein, und trotzdem beim Boykott nicht mitmachen, weil ich diese Form des Protests schlicht für falsch halte.
Vereinfachte Analogie: Ich möchte gern schnell am Ziel sein. Dennoch halte ich an der roten Ampel an, weil das System andernfalls nicht funktioniert. Ist der Verstoß dagegen legitimer, nur weil es mehrere tausend Leute tun, und mich dazu auffordern, weil sie finden, “die Politik roter Ampeln ist falsch”?
Meine Folgerung ist also: Wer sich am Boykott beteiligt, kann sich nicht auf “zivilen Ungehorsam” berufen, sondern lediglich auf seinen persönlichen Vorteil, den er aus dieser Form des Protest zu ziehen glaubt.
Dominik am 10. Juli 2007 um 15:00 Uhr
ich weiß schon, was solidarität ist, das wollte ich ja mit dem satz klarmachen. ;)
und ich finde den schritt, einfach an ein anderes konto zu überweisen, statt “nur” irgendwo zu unterschreiben, nicht wahnsinnig groß, denn es wird, sollten sich nicht genug leute finden, ja weiterüberwiesen. dir entsteht kein nachteil.
u-huund: du sollst ja an der ampel (die mir eh ein bisschen schief ist, aber was solls) nicht weiterfahren, weil die anderen das sagen, sondern weil du das auch so siehst. solidarität hat ja nichts mit massen zu tun, sondern damit, dass du aus gewissensgründen (wenn dus so nennen willst) jemandem zustimmst, jemandem zur seite stehst. was du in diesem fall aber auch unterschiedlich aufdröseln kannst. zeigst du solidarität zu den studenten, die sich die studiengebühren finanziell nicht leisten können? oder fühlst du dich mit allen boykottierern solidarisch, weil ihr ja alle das gleiche wollt? den unterschied musst du schon machen. (den wikipedia-link, der zeigt, das beides und noch mehr gemeint sein kann, kannste dir ja selbst überlegen.)
und letztlich ist jede form zivilen ungehorsams auf persönlichen vorteil bedacht, weil es um das eigene weltbild und die damit zusammenhängenden ziele geht.
was ich noch nicht verstehe: nur weil es deiner definition nach kein “ziviler ungehorsam” ist, machst du nicht mit? ist das dein kriterium für gut oder schlecht? (gemeine zusatzfrage: was machst du stattdessen?)
britta am 10. Juli 2007 um 17:12 Uhr
Dieser Boykott ist wie viele seiner Namensvettern bequem vom Schreibtisch aus (oder in der Hausbank) zu erledigen, einem Milieu also, das dem Milieu der sonstigen Protestformen wie Schlossbesetzung, Stürmung/Sprengung, Demo usw. diametral entgegensteht. Daher beteilige ich mich auch an diesem, nicht aber an jenen. (Dass meine Ansicht zu Studiengebühren mittlerweile auch Risse bekommen hat, trägt auch dazu bei.)
Zu den Erfolgsaussichten: Mehr als ein Finger in Richtung Rektorin wird es wohl kaum werden. Denn, wie gesagt, sind die Gebühren korrekt zustande gekommen. Und der jetzige AStA kriegt auch die Quittung für die ideologisierte Politik seiner Vorgänger.
Hendrik am 10. Juli 2007 um 17:44 Uhr
Sich mit Studis zu solidarisieren, die sich die Beiträge nicht leisten können, find ich völlig in Ordnung. Allerdings nur so lange, wie man damit nicht ein demokratisch gewähltes Gremium und eine von ihm gefällte und formal korekte Entscheidung delegitimiert.
Ich will keine Erpsen zählen, aber wievielen finanziell schwachen Studis hätte der AStA mit dem Geld, dass er in die Kampagne gesteckt hat, helfen können. Zum Verständnis: Will man den Boykott hinbekommen, muss man so reinklotzen, keine Frage, aber wie ist die Boykott-Entscheidung getroffen worden? Von ca. 300-400 Studis per Akklamation bei einer so genannten Vollversammlung… Das ist schon nicht mehr politisch mutig, sondern grob fahrlässig bis unverantwortlich.
Im übrigen, kann man gegen Studienbeiträge sein ohne sich dem Boykott anschließen. Es besteht eben kein Automatismus. Die Welt ist eben nicht schwarz-weiß. Und erst recht nicht sind die Politiker die Bösen und die Studis die Guten…
Best Wisches am 10. Juli 2007 um 19:42 Uhr
ich hätte meine letzten fragen immer noch gerne beantwortet, übrigens. und die: und jetzt?
britta am 12. Juli 2007 um 17:30 Uhr
@Britta: Ich sage, man kann mitmachen. Nur kann man sich vermutlich nicht auf so was wie “zivilen Ungehorsam” berufen, weil das hier nach allgemeiner oder von mir aus enzyklopädischer Definition nicht zutrifft. Die Leute wollen ihren persönlichen finanziellen Vorteil, und meiner – nicht repräsentativen – Beobachtung zufolge ist nur ein kleiner Anteil ist wirklich solidarisch mit finanziell schlecht dastehenden Kommilitonen.
Ein Kriterium ist das aber nicht unbedingt. Ich persönlich weiß nur nicht so recht, wie ich meine Beteiligung am Boykott (die es gibt, übrigens!) rechtfertigen soll, außer: Ich würde die 275 Euro gern sparen. Damit wäre die Zusatzfrage denn auch beantwortet?
Und jetzt: Der AStA wird nach dem gescheiterten Boykott vermutlich im Sommersemester 2008 einen neuerlichen Versuch starten, und meiner Ansicht nach noch kläglicher scheitern (je nach vorher festgelegtem Quorum, natürlich). Mit anderen Worten: es scheint zumindest der großen Masse der studentischen Klientel (bzw. ihren Geldgebern) finanziell so gut zu gehen, dass 275 Euro eben nicht allzu weh tun.
Dominik am 12. Juli 2007 um 17:42 Uhr