Trauer 2.0



Wenn ein junges Paar - beides Studenten aus Münster und Düsseldorf - bei einem Brand in einem Hotel in Chile umkommt, ist das mehr als tragisch. Wenn man, wie ich, einen von ihnen noch vor wenigen Wochen auf einer WG-Party kennenlernte, wird die Randmeldung in der Zeitung gleich viel greifbarer, und der Schmerz der Angehörigen erst bewusst.

Besondere Blüten schlägt aber die Trauer in diesen digitalen Zeiten. trauer.de mit seinen Online-Kondolenzen hat vor einigen Monaten bereits für mein Erstaunen gesorgt, aber die heutige Unbedarftheit einiger Freunde der Toten ist mir sehr fremd: Da beide Opfer Profile im Studiverzeichnis hatten, die bislang nicht gelöscht wurden, finden sich dann doch tatsächlich diverse Trauerbekundungen direkt auf den Profilseiten der Verstorbenen:

20070215_studivz_kondolenz.jpg

Es mag der Zeitgeist sein, dessen schnellen Schritten ich nicht folgen kann, aber ich muss mich schon fragen: Ist das noch angemessen? Den Toten einen letzten digitalen Gruß zu hinterlassen? Gerade in diesem Verzeichnis, das in der Vergangenheit nicht gerade durch zuverlässigste Seriösität aufgefallen ist? Ich meine: nein.




Grandiose 2 Kommentare zu “Trauer 2.0”

  1. ich meine: ja.
    viel mehr noch: auf jeden fall.
    trauer ist eine schwierige geschichte. jeder, der schon mal jemanden verloren hat weiß das. wohin mit sich und seinen gefühlen?
    oftmals ist man noch nicht einmal in der lage die gefühle zu benennen. also macht man sich auf die suche nach gleichgesinnten. menschen, die wissen was man fühlt, weil sie das selbe durchleben. genau das geschieht im studivz. gehört man zur familie findet man dort trost und gemeinschaft, ist man jedoch nur einer von vielen freunden ohne familiäre anbindung fällt die trauerarbeit schwer.
    so geht es also letztlich nicht darum dem verstorbenen einen “letzten didigtalen gruß zu hinterlassen”, auch wenn sie als solche formuliert werden, sondern vielmehr darum seiner trauer überhaupt ausdruck zu verleihen und auch zu sehen, dass es anderen menschen ähnlich geht.
    trauer ist sehr individuell, weshalb ich ein erheben darüber und die frage “ob das angemessen” oder “richtig” sein kann vermessen finde.
    was spricht dagegen? jeder hat das recht dort trost zu finden, wo er ihn vermutet. manche weinen tage lang, andere gar nicht. trauern nur die richtig, die es auch nach außen tragen, oder eben genau anders herum?
    jeder, der so trauert, dass er den verlust verkraften kann, trauert richtig. nichts anderes zählt.

  2. Ja, es soll jeder Einzelne im Rahmen der Gesetze so trauern, wie er es für sinnvoll hält. Das heißt aber nicht, dass man die unterschiedlichen Trauerarten, die es gibt, nicht für sich beurteilen kann und sich ggfs. auch darüber erhebt. Ich finde es stillos, wenn im kirmesbunten StudiVZ kondoliert wird. Einen Klick entfernt von Saufbildern und Witzgruppen. (Genausowenig halte ich übrigens vom öffentlichen Kondolieren im Todesanzeigenteil der Zeitung.) Wenn der Tod real ist, sollte die Trauer nicht virtuell stattfinden.

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