Blockflöte



Ich sitze auf meinem Bett, das MacBook auf den Knien, und versuche mich zu konzentrieren. Zwei E-Mails muss ich noch verfassen, ein Angebot an einen potenziellen Sponsoringkunden für Radio Q, und eine private Mail. Außerdem fehlen noch einige Designanpassungen auf einigen Websites.

Seit zehn Minuten fehlt mir jegliche Konzentration. Es liegt nicht an mir, ich bin früh schlafen gegangen gestern abend, habe ansonsten keinen größeren Stress gehabt heute und ausgewogen ernährt habe ich mich auch. Es ist etwas Anderes, das mir die Fähigkeit raubt, meine Handlungen von sinnvollen Gedanken begleiten zu lassen.

Es ist eine Blockflöte.

Ein Kind trompetet seit wenigen Tagen immer gegen die frühe Nachmittagsstunde exakt zwei hölzerne Lieder in ständiger Wiederholung durch die Nachbarschaft. “Ich geh’ mit meiner Laterne”, und – es ist ja schließlich schon Oktober -, “Oh When the Saints”. Dabei sind es weniger die Lieder an sich, die mir den Nerv rauben – früher habe ich dieselben trotz oder gerade wegen ihrer einfachen Melodie stets gern zu den ihnen angetrauten Anlässen gesungen oder gesummt -, sondern deren auch für infantiles Niveau erschreckend schlechte Interpretation. Nicht nur, dass jede einzelne Note vom Bläser derart lang gehalten wird, dass mir eine Identifikation der Stücke erst nach einigem – aufgezwungenen – Hinhören möglich ist, nein, hinzu kommt, dass wirklich jede Steigerung, jeder Klimax an exakt der letzten Stelle vollkommen in die Hose geht. Der abschließende Ton, in seiner Aufgabe der schließenden Befriedung des vorangegangenen Auf und Abs, ein notwendiger Bestandteil der Gesamtharmonie, wird hier eiskalt ermordet.

Der Täter: Ein Kind. Vom Niveau der dargebotenen Stücke her folgernd, schätze ich es auf maximal 10 Jahre, vermutlich gezwungen von Eltern und Lehrern, ein Musikinstrument zu lernen: Sieh mal, wenn du Blockflöte kannst, fällt dir später Klavier oder Saxophon auch nicht mehr schwer, da lernst du fürs Leben, und das Talent hast du von Opa Hermann, der hat früher auch immer Orgel in der Kirche gespielt.

Liebe Eltern, verschont eure Kinder und deren Nachbarn mit diesem furchtbaren Instrument! Wer auch nur den Hauch von Respekt gegenüber einem Teilaspekt der Intention von Musik – dem Wohlklang im menschlichen Ohr – hat, kann dieses hölzerne Auditivungetüm nicht ernstlich als musikpädagogisches Allheilmittel in Erwägung ziehen. Seht die Blockflöte als das an, was sie ist: Ein Holzhohlrohr zur primitivsten Tonerzeugung, voll minderjährigem Speichel. Mehr nicht. Millionen Halbwüchsige werden es euch danken. Und ich erst.




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