Gewissensfrage (1)
Heute morgen klingelt es an der Haustür.
Ein junger Mann von vielleicht 28 Jahren steht vor der Tür, und fragt nach meiner Bereitschaft, an einer Umfrage zum Thema “Drogenmissbrauch” teilzunehmen. Nur 5 Fragen, zwei Minuten. Ich stimme zu. Belanglose Fragen: “Hast du Menschen im Bekanntenkreis, die mit Drogen zu tun haben?”, “Wie hoch schätzt du die Rückfallquote nach einer Therapie ein?” und Ähnliches. Letzte Frage: “Würdest du einem ehemaligen Drogensüchtigen helfen wollen?” – Klar, im Rahmen meiner Möglichkeiten, natürlich.
Vielen Dank für’s Mitmachen, meint der Typ, nun zum Hintergrund, und warum er das hier mache. Für ihn sei das Beschäftigungstherapie, er habe selbst eine Drogentherapie hinter sich, und mache nun diese Umfragen. Im Anschluss böte er den Teilnehmern Zeitschriften aus Überproduktionen eines Verlags an, die für ab 2 Euro pro Woche über ihn zu beziehen seien. Damit könne er eine Wohnung und ein geringes Auskommen finanzieren, um wieder ein geregeltes Leben zu führen. Derzeit wohne er in einem Übergangswohnheim, sechs Menschen auf 45 Quadratmetern, nicht schön.
Halt, sage ich, das kenne ich schon, vor zwei Jahren war hier schonmal wer, und hat mir das angeboten, damals hab ich das abgelehnt, weil ich von diesen Haustürgeschäften prinzipiell nichts halte. Kein Haustürgeschäft, meint er, nur die Möglichkeit, Hilfsbereitschaft gegenüber ehemaligen Drogensüchtigen auch umzusetzen.
Eine Grundsatzdiskussion entspinnt sich:
Warum ausgerechnet bei den Studenten?, frage ich, ist das nicht etwas blöd, bei denen, die meistens auch nicht so viel Geld zur Verfügung haben, anzufragen? – Die meisten Studenten hätten genug Geld, um sich regelmäßig in den Kneipen der Stadt volllaufen zu lassen, meint er, und da seien 2 Euro Hilfe pro Woche zu viel? Und überhaupt, du meintest doch, du würdest Drogensüchtigen helfen wollen? Totschlagargument.
Ich gerate ins Stocken. Irgendwo hat er ja Recht, aber ist es legitim, sich vor anderer Leute Haustür zu stellen und ihnen die moralische Pistole auf die Brust zu setzen? Hat er allein aufgrund seiner sicherlich prekären Ausgangslage das Recht, andere moralisch derart zu bedrängen, dass sie allein schon aus Gewissensgründen spenden müssten?
Ich entschließe mich, hart zu bleiben. Diese Art der Arbeit ist mir zu banal und die Art der Bittstellung zu offensiv, um damit bei mir durchzukommen. Ich bin sicher kein FDP-Wähler, aber es geht mir hier mehr um den Aspekt, mit der Nase derart darauf gestoßen zu werden, dass sie bald blutet. Im Kern aber meine ich: Geh’ zum Sozialamt! Die besorgen auch dir als ehemaligem Drogensüchtigen eine Wohnung, und von Hartz IV kannst auch du leben – neben deiner Beschäftigungstherapie. Um auf den drogenfreien Weg zurückzukommen, brauchst du nicht mein Kleingeld.
Der Typ zieht offensichtlich angepisst ab. Vorher noch erfahre ich: Mein heutiger Besucher und der vor zwei Jahren sind ein- und dieselbe Person. Er grinst. “Bis in zwei Jahren dann!” – “Da wohn’ ich hier wohl nicht mehr.” – “Münster ist klein.”
Ich fürchte auch.
Und obwohl ich mich eigentlich im Recht fühle, bin ich unsicher: Hätte ich dem Mann seine Zeitschriften abnehmen müssen? War ich durch meine Aussage, im Prinzip helfen zu wollen, zu finanzieller Hilfe verpflichtet? Was hättet ihr getan? Und mit welchem Argument?

Du bist im Recht, finde ich. In diese moralische Zwangslage, die du empfindest, hat dich der junge Mann selber gebracht, indem er zunächst ganz abstrakt deine Hilfsbereitschaft abfragte und dich dann konkret darauf festnageln wollte.
Für mich klingt das – davon abgesehen – eher nach einem Mitglieder einer Drückerkolonne, die versuchen, so viele Zeitschriftenabos wie möglich zu verkloppen. Soviel ich weiß, ist das unter gewissen Umständen sogar illegal. Hier tut sich ein weiteres Dilemma auf: Sage ich mir, ich will diese kriminellen Vereinigungen auf keinen Fall unterstützen – oder: Ich weiß zwar, dass das eine kriminelle Vereinigung ist, aber der hier vor mir ist doch ein armes Schwein, dem helf ich mal? Genau das ist das Dilemma, in das einen diese Vereinigungen bringen wollen.
Dass du nicht darauf eingegangen bist, war die einzige richtige Reaktion. Deine Rechtfertigung für ihn ist, dass er ja auch Arbeitslosengeld beantragen und davon leben könne. Die bessere Rechtfertigung für dich ist vielleicht, eine seriöse Organisation zu unterstützen, die Drogenabhängigen hilft, und ihn an diese Organisation zu verweisen.
Stefan am 11. August 2006 um 17:39 Uhr
das problem ist ja nicht der ehemalige drogensüchtige, sondern die medienkonzerne, die die situation von solchen leuten ausnutzen, um ihre zeitschriften an den mann/ die frau zu bringen. dass du so etwas nicht unterstützen willst, kann ich voll verstehen und hätte es genauso gemacht.
der typ kann sich doch einen vernünftigen job suchen (und auch für ex junkies gibt es welche!!), aber das scheint er ja auch nicht vor zu haben, wenn er schon zwei jahre für solche leute gearbeitet hat und sogar noch in zukunft nicht davon lassen möchte… dann ist dem auch nicht zu helfen! würde er mal über seine lage nachdenken und wirklich etwas ändern wollen, hätte er sich schon längst an eine seriöse organisation gewandt…
und solche medienkonzerne sollte man schlicht und ergreifend boykottieren. von daher tut mir der kerl einfach nur leid, dass er so eine aktion auch noch unterstützt…
Kathrin am 12. August 2006 um 9:25 Uhr
Das ist eine Masche, die seit einiger Zeit in mehreren Städten durchgezogen wird. Gerade stand einer vor meiner Tür. Habe ihn erfolgreich abgewimmelt. Wie du richtig feststellst versuchen die einem die moralische Pistole auf die Brust zu setzen. Es ist absolut unseriös und nicht akzeptabel! Unter diesen Umständen kann ich keinen Vertrag unterzeichnen ohne es hiterher zu bereuen! Ich lasse mich nicht emotional erpressen!
Nach krzer Recherche im Internet habe ich noch andere Seiten gefunden, auf denen diese Masche genauso beschieben wird:
http://www.presstige.org/index.php?option=com_content&task=view&id=96&Itemid=94
http://psychologieblog.de/2006-11-10/druck-erzeugt-druck/
http://www.wiesbadener-kurier.de/region/objekt.php3?artikel_id=2364246
http://kais-diary.blog.de/2007/02/
anonym am 14. Februar 2007 um 13:46 Uhr
Hallo, heute war einer bei mir. Ein ehemaliger Drogensüchtiger. Genau das gleiche. Ich bin 20 Jahre alt und hatte schon einige Drogenfälle ich meinem bekannteskreis und da er so in mein Gewissen sprach und ich nicht wollte das dieser Junge Mann 22 Jahre alt auch in solch ein abgrund rutsch, dass ich bei sehr vielen meinen Kumpels mitbekommen habe. Sagte ich ja okay ich abonniere eine zeitschrift. Ich hatte ein endlosgespräch mit diesem jungen mann dass bestimmt 1 stunde ging. Danach kam mir etwas spanisch vor. Er erzählte so viel über die entzugsklinik und was alles unterstützt wird dennoch ließ er keinerlei daten der klinik oder der organisation für ehemalige drogensüchtige zurück ausser die bestellung der Zeitschrift. Nun habe ich gerade das widerrufsrecht in anspruch genommen und werde das dokument morgen per post absenden. (albatros media gmbh) Ich sage nur egal wer in der normalen arbeitszeit daheim klingelt, es sind ALLE gewinn orientierte vertreter!
Patrick am 14. Juli 2008 um 21:42 Uhr