Vor lauter Bäumen
Der Tag vor der Abreise. Die Suche nach den üblichen Reiseutensilien, die andere bereits Wochen davor in Ruhe und generalstabsmäßig geplant eingekauft haben, je ein Häkchen setzend auf ihrer säuberlichen Einkaufsliste: Aspirin, Sonnenmilch, Pflaster.
Ich nicht. So etwas fällt mir immer genau einen Tag vor der Abreise ein. Meist nichts Überlebenswichtiges, aber das Leben erleichtern tun diese Dinge im Fall der Fälle ungemein, das muss ich zugeben. Daher auch mein - zugegebenermaßen spätes - Bemühen. In diesem Jahr fehlt: Autan. Oder Konkurrenzprodukte. Mir vollkommen egal. Hauptsache, diese fiesen, gnadenlosen, nervtötenden Insekten - meine Schwester nannte sie kürzlich, sicher gänzlich ohne politische Hintergedanken, “arabische Kampfmücken” - kommen bei mir nicht zum Schuss. Seit einiger Zeit reagiere ich allergisch auf diese Viecher; ein am Vortag harmlos anmutender Stich kann sich binnen Stunden zu einer Schwellung gigantischen Ausmaßes entwickeln. Und dann ist nichts mehr mit Rom angucken.
Da ich aber sparsam bin, plündere ich zu solcherlei Anlässen zunächst einmal den heimischen Giftschrank, statt direkt zur nächsten Drogerie zu rennen. Zwischen Schmieröl und Glasreiniger findet sich hier so manches Kleinod der modernen Insektenvernichtungsindustrie, und mitunter auch ein etwas harmloseres Pendant, dass sich zum Auftragen auf die menschlichen Haut eignet. Denn eigentlich bin ich durchaus Tierfreund, und daher meist abgeneigt, den dummen Viechern irgendwie ein Leid zu tun. Verscheuen und abschrecken reicht mir da, wie anderen auch. Shock and awe.
Schrank auf. Wie immer: Entsetzen. “Wie kann man sich als Schrank nur so gehen lassen?”, frage ich, aber mein Gegenüber antwortet, wie immer, nicht. Unüberschaubar viele Flaschen, Dosen, Tinkturen und Sprays in allen möglichen Formen tummeln sich im Dunkeln, und scheinen wie neugierige Kinder hervorzuspringen und zu gaffen, wenn die Schranktür geöffnet wird. “Pick me, pick me!” meine ich es zunächst schreien zu hören, aber das mag durch die ausströmenden Restgase ausgelöste Einbildung gewesen sein. Fakt ist, ich brauche Durchblick. Den glaube ich durch beherztes Greifen irgendwo in den hinteren Bereich der Chemikaliensammlung zu erlangen, dort, wo ich auf den ersten Blick die niedrigste Frequenz von Totenschädelbildern auf grellorangem Grund ausmache. Zugegriffen. Was haben wir denn da? Biff. Quatsch. Zurück damit. Ein weiterer Griff, nun vielleicht ein klein wenig platzierter. Fleckenwasser, “macht den Fleck - weg”. Schicker Reim, aber hier leider unzweckmäßig. Hm… eine weiße Haube, ein Deckel, weit hinten, erregt meine Aufmerksamkeit. Ein langgestreckter Griff, eine Drehung - und Bingo! Autan. Eine fast volle Spraydose. Hurra?
Fraglich ist ja bei solchen fast investigativen Recherchen (hey - wenn Ulrich Meyer sich so nennen darf, dann ich erst recht!) grundsätzlich das Alter der Informationen. In diesem spezifischen Fall jedoch das Alter des Produkts, und die konservativ gehaltene Ausführung der Produktgestaltung, manch einer würde sie vielleicht “retro” nennen, macht mich skeptisch. Ich suche nach einem Mindesthaltbarkeitsdatum (heißt das hier so?), finde aber keines. Das - natürlich - genau zur Hälfte abgerissene Preisschild weist den Zwischenhändler als “allkauf” aus, verschweigt so aber, ob die Dose vor dem 1. Januar 2002 gekauft wurde. “allkauf”? Nie gehört. Zumindest nicht hier in der Nähe. Nicht mal ein Hinweis auf die längste Gebrauchsdauer des Produkts? Sehr seltsam.
Ich drehe die Dose noch einmal. Und dann, wie ein stechender Schmerz in den Augen, offenbaren und potenzieren sich meine größten Befürchtungen. Auf weißem Grund, in roter Schrift, summieren sich Buchstaben… …und enthüllen das Datum: “Offizieller Ausrüster der Olympiamannschaft der Bundesrepublik Deutschland — 1984.”
Mein nächster Gang führt mich zur Restmülltonne. Ruhe in Frieden, jetzt aber endgültig. Deinen Nachfolger kaufe ich neu. Wie haben die Deutschen 1984 eigentlich abgeschnitten?
Ein Gutes hatte diese kleine Odyssee jedoch: Ich weiß nun, was Autan eigentlich ist. Früher standen nämlich noch hochkomplizierte chemische Zusammensetzungen auf den Packungen jener Produkte. Autan besteht aus 1-Piperidincarboxylsäure 2-(2-hydroxyethyl)-1-methylpropylester. Ah ja.

Allkauf war früher das große SB-Center in Hagen-Kabel. Ja, damals hieß sowas noch SB-Center oder EKZ. Zu Jugendzeiten auch als “Alkkauf” bezeichnet. Heute heißen die Allkaufe meist real oder extra.
HenniFürdieBRD am 22. Juli 2006 um 12:24 Uhr
Allkauf war ein Familienunternehmen aus Mönchengladbach, das sich recht lange gegen die großen Konzerne durchsetzen konnte und vor allem Warenhäuser im Rheinland und am Niederrhein besaß. Selbst heute, wo inzwischen Real den Laden übernommen hat, spricht meine Oma noch davon, bei Allkauf einzukaufen. Sie sagt auch noch “bei Helga”, wenn sie zum REWE fährt - nur, weil da vor 20 Jahren mal ein kleiner einzelner Supermarkt war. :)
Stefan am 24. Juli 2006 um 10:19 Uhr
ich fahre auch immer noch nach brakel in den allkauf, der jetzt seit ungefähr 7 jahren schon vom einkaufsmagnaten real gekauft wurde. aber gegen diesen neumodischen kram versuche ich mich nach wie vor zu wehren…
kathi am 26. Juli 2006 um 11:45 Uhr
Schlimm, wie früh man schon so konservativ denkt…
Stefan am 26. Juli 2006 um 13:14 Uhr
Auch Moers und Wesel hatten eine allkauf. Und auch hier heißen die Räumlichkeiten heute real,-. Und auch meine Mutter spricht heute noch davon, dass wir boch zu allkauf müssten. Anfangs hatte ich noch den Ehrgeiz ihr das auszutreiben, aber mittlerweile habe ich kapituliert. Nur würde ich mir wünschen, dass sie bei allkauf auch noch in D-Mark bezahlt. Aber hier hat die Umstellung überwiegend gut funktioniert…
Best Wisches
Wische am 30. Juli 2006 um 13:14 Uhr