Wetterkapriolen
Der Wetterbericht kündigt vortags schwere Regenfälle für den Morgen an. Um kurz vor sieben sehe ich daher vorsichtig aus dem Fenster. Ein friedliches Bild. Die Sonne scheint, nur dünne Cirruswolken liegen flach über einem ansonsten strahlend blauen Himmel, sogar ein leichter Sonnenschein deutet sich an goldgelb an der Hauswand gegenüber an.
“Nichtsnutziges Pack”, denke ich über den Meteorologen meines Vertrauens, und hüpfe unter die Dusche. Als ich sie wieder verlasse, glaube ich zunächst noch an einen Stromausfall. Alles ist dunkel. Das Badezimmer, der Flur, die ganze Wohnung. Aber nein, das Radio läuft ja, das kann es nicht sein. Das Milchglas des Badezimmerfensters verdeckt zunächst, was sich mir erst in der Küche offenbart: Gigantische Wolkenfelder sind von Westen herangerollt und verdunkeln die Sonnenscheibe. Ein großer Haufen grauen Etwas klebt unter der Stratosphäre. Es hat sich merklich abgekühlt, und durch das auf Kipp stehende Fenster zieht eine bedrohliche Böe durch mein Zimmer. Mich fröstelt.
Meinen Tee kaum aufgegossen, werfe ich einen prüfenden Blick durchs Küchenfenster. Die Dunkelheit hat ihren Zenit erreicht, noch dunkler, und es wäre Nacht. Kann das sein?, denke ich, sollte der blöde Kachelmann etwa Recht behalten? Mein Gedanke wird jäh durchbrochen von einem fernen Donnergrollen. Dies als Antwort nehmend, mache ich mich auf die Suche nach dem einzigen WG-Regenschirm. Hinter der Garderobe funkelt ein HL-Logo. “Deutscher Supermarkt” steht darunter, was für ein bescheuerter Slogan. Mir geht mein alter Schulfreund Otto durch den Kopf, der in der Schulzeit immer über die Abkürzung HL, “Hitlers Lädchen” scherzte. Die lange Spitze des Schirms glänzt silbern. Ich muss an aufgepflanzte Bajonette und deren Anwendung denken.
Ich verlasse die Wohnung, kurz nachdem die ersten Tropfen auf den Asphalt schlagen. Binnen weniger Sekunden wird aus dem Nieselregen ein stetig anschwellendes Rauschen, bald wird das kühle Nass immer sichtbarer und manifestiert sich in einem schier undurchdringlichen Vorhang aus glitzerndem Wasserstoffoxid. Dem Schirm - je nach Windrichtung zu alternierenden Seiten aufgespannt - bin ich heute dankbar. Schwieriger scheint fast das Ausweichen vor dem Spritzwasser von unten, wenn rücksichtlose Autofahrer durch soeben entstandene Pfützen in meiner Nähe brausen.
Nach fünf Kilometern steige ich vom Rad. Mein Ziel habe ich erreicht, aber meine Knie sind nass, einzelne vom Schirm geronnene Tropfen summieren sich dort zu einem unbehaglichen Gefühl. Das Rauschen, dass mich gut fünfzehn Minuten lang begleitet hat, scheint plötzlich leiser zu werden, schwillt ab, scheint sich dem Erstickungstod noch kurz zu erwehren und gibt schließlich auf. In dem Moment, als ich den Schirm zusammenfalte, drängt die Sonne durch zwei sich teilende Wolkenfetzen hindurch.
Gut, dass ich jetzt arbeiten muss. Zum Heulen.

Einen Kommentar hinterlassen