Limbo
Beachparty ist das Thema. Entsprechend habe ich mich albern verkleidet: Unter meiner Trainingshose, denn es ist kalt draußen, verstecken sich Shorts, meine Übergangsjacke verhüllt ein Hawaii-Hemd, eine etwas zu lässige Sonnenbrille schmückt mein Haar. Im Treppenhaus erschallt dumpf vertrauter Partylärm. Vor der Tür wird der Lärm lauter, schwillt an. Die Klingel. Ein-, zweimal. Die Tür geht auf und bläst mir lautstark den “Ententanz” entgegen. Bin ich hier falsch? Nein. Zwei junge Frauen, die ich vom Sehen kenne, stehen vor mir im Flur. “Hiiiiiii…” – Hallo. Oh Gott, ich bin richtig, wie furchtbar.
Jetzt nichts anmerken lassen. Ich lege ab. Zwei bärtige junge Männer lehnen im Flur an der Wand und halten je ein Bier in der rechten Hand. Sie unterbrechen ihr Gespräch und nicken mir zu, ich zurück. Die Flaschen wandern zurück an ihre Münder.
Ich sehe mich um. Durch den Flur hindurch kann man ins Wohnzimmer sehen, wo vier Damen tanzen. Sie sind alle barfuß und tragen kurze Röcke und bunte Hula-Ketten. Die Art, wie sie singen, wie sie sich bewegen, die Röcke schürzen, ein Fuß nach vorn, einer nach hinten, das hat etwas Folkloristisches. Leider scheinen die meisten von ihnen schon recht betrunken zu sein, so dass ihre Unbedarftheit etwas unfreiwillig Komisches bekommt. Ich setze mich auf ein Sofa. Vor mir lagern in verschiedenen Ausführungen und Behältnissen Kartoffelchips, von Aldi, glaube ich. Ich habe keinen Hunger.
Zwei der tanzenden Frauen kommen mir bekannt vor. Während ich noch überlege, woher, nimmt eine der beiden einen Kescher, der an der Wand aufgehängt war, und streckt den langen Holzstab quer über die Tanzfläche zu der anderen Frau, die das andere Ende bereitwillig festhält. “Limbo, ihr Fotzen!” kreischt die eine, und nimmt damit wohl Bezug auf einen häufig – und auch hier – falsch zitierten Film. Beide tragen buntbeblümte Röcke, die bis zum Oberkörper reichen und so irgendwie mehr wie eine Schürze denn wie ein Sommerkleid wirken. Unterhalb ihrer flachen Brüste zeichnen sich merkwürdig runde Bäuche ab, nicht sexy oder so, sondern einfach nur plump.
Auf einmal fällt mir wieder ein, wer das ist: die beiden sind Zwillingsschwestern, Frauke und Rana oder Renate oder so ähnlich heißen sie, und sie machen immer alles zusammen, das weiß ich aus Erzählungen. Die beiden sind erschreckend dünn, tragen Brillen und reden durchweg Schwachsinn, in einem stets patzig-patenten Tonfall wie die Zwillinge vom Immenhof. Die hießen übrigens Billy und Bobby, hatten Bubiköpfe und Horst Janson als Filmvater, und waren immer die Anführerinnen von 40 anderen Jugendlichen. In diesen grauseligen Produktionen ritten sie dann immer auf ihren Shetlandponys zu trompetendominierter 70er-Jahre-Musik mit exorbitant langen Schlagzeugbreaks dem Sonnenuntergang entgegen. Es schüttelt mich heute noch, wenn ich daran denke.
- Mittlerweile hallt der F-Wort-Ausruf bis in den Nebenraum, worauf auch die ungelenkigen Partybesucher ihr Glück unterhalb der Kescherstange versuchen. In einer Schlange warten sie, gehen in die Knie, rutschen rücklings unter der Stange hinweg und kichern. Sie lassen sich feiern, als ob das etwas Besonderes wäre. Jeder einzelne Versuch wird mit Applaus und Geschrei bedacht, und es hält mich nicht länger in diesem Raum, ich muss hier raus.
Durch die Küche gelangt man auf eine Art Balkon. Die Temperaturdifferenz zwischen drinnen und draußen gleicht einer Kneipp-Kur. Kühle umfängt den Kopf, der Atem wird ruhiger, das Bier schmeckt wieder. Gleich werde ich fahren, denke ich. Im Hinterhof sehe ich einen Schatten, an einer Garagenwand huscht er vorbei, er wird kürzer. Eine Sekunde lang meine ich, Horst Janson auf einem Schimmel vorbeireiten zu sehen. Wahrscheinlich war es nur ein Radfahrer.

Hallo Dominik, ich fand das alte Design zwar auch prima, das wird aber sicher noch. Sehr schön finde ich die eingeblendete Anzeige unter dieser Horrorpartygeschichte, die “Hilfe für Kinder in Not – Terre des hommes” verspricht.
Hendrik am 2. Mai 2006 um 13:23 Uhr