Leipziger Allerlei
Ich hätt’ ja auch gern über die Katastrophenverhältnisse im verschneiten Münsterland berichtet, aber ich war gar nicht da. Und das kam so:
Wer in den frühen 90er Jahren mal im Osten Deutschlands war, hatte nicht immer nur Schönes zu berichten. Die Kohlschen “blühenden Landschaften” erwiesen sich als Luftnummer, manch ein Gebäude war grau und verfallen - wer beispielsweise Potsdam kurz nach der Wende erlebt hat, weiß, wovon ich schreibe.
Daher auch meine Befürchtung, Leipzig sei aus touristischer Sicht nicht unbedingt eine Reise wert. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass ich den Exilmünsteraner Daniel seit seinem Wegzug vor gut 2 Jahren bislang nicht besucht hatte. Zusammen mit Mitbewohnerin Marion ging es nun aber am Wochenende ins “klein Paris”, wie Goethe es nannte. Während also das Münsterland in Schneemassen versank, fuhr ich mit einer der vermutlich letzten funktionierenden Bahnverbindungen gen Orient. Geht super, dauert 5 Stunden, ist dank Herbst-Special günstig.
In Europas größtem Kopfbahnhof angekommen: Staunen. Der Bahnhof ist hier mit einer riesigen Mall verschmolzen, an Edelboutiquen reihen sich Bäcker und Lebensmitteldiscounter, die mitunter an sieben Tagen die Woche von 8 bis 22 Uhr geöffnet haben. Nicht übel. Gottlos, aber nicht übel.
Mit der Straßenbahn, nach Leipziger Mundart auch gern “Bimmel” genannt, geht es zu Daniels Wohnstätte, die nur zwei Blocks vom Zentralstadion entfernt liegt. Keine schlechten Aussichten für die WM 2006. Vielleicht ein Grund für einen weiteren Besuch (neben zig anderen, natürlich).
Also angekommen. Nochmal staunen: Dürfen Studenten in solch riesigen, ach was, gigantomanen Wohnungen leben? “Unter 25 Quadratmetern” pro Zimmer sei hier nichts zu bekommen, meint Daniel, und streckt sich im Sessel seiner Küche Wohnküche Kochhalle. Unfair, finden wir einstimmig, in Münster kann man bisweilen froh sein, ein bezahlbares WG-Zimmer ab 10 m² aufwärts zu bekommen… Soviel zu inneren Werten der Wohnungen. Auch außen: Nicht alle, aber sehr viele Häuser sind frisch grundrenoviert und versprühen cremefarbenen Jugendstil-Charme, aufwändige Fresken und Verzierungen reihen sich daran. Kreuzviertelesk. Sehr hübsch.
Wir machen eine recht oberflächliche Einsteiger-Tour durch Leipzig, sehen das Völkerschlachtdenkmal, Gewandhaus, Goethe-Denkmal, altes und neues Rathaus, MDR-Tower, die Redaktionsräume der Konkurrenz, Auerbachs Keller und gehen Shoppen, inklusive Weihnachtsmarkt. Tolle Stadt.
Brötchen kosten irgendwie weniger als in Münster. Zumindest erinnere ich mich an kein Brötchen, das 20 Cent kostet, vom Discounter mal abgesehen. Interessant auch, dass es neben normalen Brötchen auch so genannte “Doppelbrötchen” (d. h. zwei backtechnisch aneinanderpappende Brötchen) gibt, die durch dieses kleine Manko vielleicht ein wenig kleiner geraten sind. Nun könnte man naiver Weise vermuten, dass jene Doppelbrötchen ein bisschen weniger kosten, als es zwei normale Brötchen täten, also vielleicht 35 Cent - aber mitnichten, die kosten einfach mal 40 ct. Klingt komisch, ist aber so. Die spinnen, die Leipziger. Auch aus diesem Grund: Auf etwa 300 km² Fläche sind gefühlte 17 Millionen Überwachungskameras im Einsatz, die von Ampelmasten, Laternenpfählen und Hinweisschilder auf den unbescholtenen Bürger gerichtet sind. Beängstigend.
Auf der abendlichen Party dann. Etwa 100 junge Leute, meist Studenten aus aller Herren Bundesländer, drängen sich auf, wie schon erwähnt, nicht gerade engstem Raum. Alle freundlich. Fast alle angehende Journalisten, oder zumindest Kommunikationswissenschaftler. Als gemeiner Soziologie fühlt man sich hier fast ein wenig unwichtig, aber zumindest kann man ja mit dem Teilzeitarbeitgeber ein wenig auftrumpfen. Irgendwann gegen 5 schläft dann auch der Gastgeber ein, und die Party endet auf einer Matratze mit Blick nach oben, an die mit aufwändigem Stuck verzierte Decke.

…klingt sehr, sehr gut. ich suche ja auch noch nach einem ziel für das bahn special, bevor das angebot ausläuft - und leipzig scheint ja wirklich eine ganz adrette wahl zu sein.
gut finde ich, dass in leipzig die wichtigen damen und herren kommunikationswissenschaftler auch in angemessenen, loftesquen wohnungen residieren dürfen. dafür sollte sich unsere fachschaft mal einsetzen.
ich geh’ jetzt in’s ifk und rege das mal an.
Malte am 29. November 2005 um 15:32 Uhr
also, ich hätte bei leipzig ja eher an “einerlei” gedacht, aber gut… malte, ich bin dabei. :) (dann kannst du den geburtstagsdiaabend auch noch um ein paar stunden und die ein oder andere leipzschger kulinarität erweitern. :))
britta am 29. November 2005 um 20:51 Uhr
yay, cross-blog commenting. also jetzt dia-schau und geburtstag im zug nach leipzig, mit entsprechendem aller- bzw. einerlei. feine sache, das.
Malte am 29. November 2005 um 21:56 Uhr
macht doch die diashow des wochenendes in leipzig auf der rückfahrt im zug.
Fid am 30. November 2005 um 0:01 Uhr