Politik(er) in Münster
Gestern war großes Politiker-Stelldichein in Münster: Sowohl der Bundesvorsitzende der FDP, Guido Westerwelle, wie auch Außenminister Joschka Fischer von den Grünen waren zu Gast in der Domstadt.
Zunächst Westerwelle, nachmittags, in der Ludgeristraße, Fußgängerzone. Eine unglaublich nervige Bläser-Band spielt auf, während Guido sich verspätet – und zwar um eine halbe Stunde. Selbst die mit angereisten, der liberalen Politik näher als ich stehenden Q-llegen sind schon ein wenig ungeduldig. Dann, endlich, ein großer gelber Bus trifft ein, die Presse stürzt sich noch hinter der Bühne auf Herrn Westerwelle, der dadurch wiederum 5 Minuten später die Bühne betreten kann. Der grottenschlechte Moderator (oder sollte ich “Einheizer” sagen?), dessen Text schon die ganze Zeit über lediglich aus Bausteinen wie “Herr Westerwelle”, “der Bundesvorsitzende der FDP”, “gleich, jetzt, hier auf der Bühne” und “wir haben Konzepte, wir haben Lösungen, F-D-P” besteht, übt sich weiterhin in Vertröstung der Zuschauerschaft.
(Kleiner Einwurf: Irgendwoher kannte ich die Stimme des Moderators schon… wo war das nur? Hm… “Gewinnegewinnegewinne – Londonparisamsterdam…” – Ach ja, das war’s…!)
… Bis es dann endlich so weit ist: Zusammen mit dem Münsteraner Bundestagsabgeordneten Daniel “In Deutschland kriegen die Falschen die Kinder” Bahr steht Westerwelle dann erst einmal in-die-Luft-guckend in der Gegend herum, während Bahr die Zahlenkanone aus allen Rohren feuern lässt: 4,7 Millionen Arbeitslose, in Wahrheit aber 6-7 Millionen, 40 Milliarden neue Schulden im Jahr, etc. pp.. Und dann eben Westerwelle: Begrüßt zunächst die Zuhörer und die “drei Trillerpfeifen” (die tatsächlich nur zu dritt waren), um dann ein wenig auszuholen: Im Grunde derselbe Inhalt wie Bahr, nur ein klein wenig eloquenter vorgetragen.

Kurz darauf bin ich dann gegangen, ich hatte nämlich die Befürchtung, die Band noch einmal spielen hören zu müssen. Außerdem hatte ich ja noch Joschka vor mir.
Abends dann also, Prinzipalmarkt. Es ist proppenvoll. Wirklich richtig voll. Bärbel Höhn ereifert sich gerade über Genmais und gibt Tipps, wie man “auch nachts um 3″ dem liegen gebliebenen Hybridwagen mit handelsüblichem Speiseöl wieder Leben einhauchen kann. Ah ja.
Kurz darauf dann trifft Joschka Fischer im Panzer-Dienstwagen ein, darf aber noch nicht auf die Bühne, weil noch Musik kommt. Interessanter Weise von den Menschen, die ich vorher wegen ihrer schicken Anzüge und den Knöpfen im Ohr für Security-Leute hielt: 6-Zylinder heißt das Vokalensemble, und gibt – oh, wie passend – “” zum Besten. Vielleicht auch nicht gerade mein Lieblingssong, aber erträglicher als die FDP-Bläser. Als sie fertig sind, steht Fischer auf der Bühne – und entweder, er hat gestern durchgesoffen oder ein fieses Halsleiden, jedenfalls krächzt er selbst für seine Verhältnisse derart, dass man ihn zunächst kaum verstehen kann. Es folgt ein Rundumschlag gegen Linkspartei, CDU und FDP, für Reformen á la Hartz IV, für Umweltschutz und Atomausstieg, gegen militärische Interventionen. Besonders mit letzterem kann Fischer natürlich punkten, und verlässt unter tosendem Applaus die Bühne.
Anscheinend zu viel Applaus für die junge Dame schräg vor mir, die auf einmal zusammenklappt, kurz darauf aber wieder das Bewusstsein erlangt und von ihrer Mutter den gerade eintreffenden Sanitätern geradezu entrissen wird… na ja, sie muss es ja selbst wissen.
Alles in allem ein spannender Tag, auch wenn ich an sich nicht so sehr viel von diesen Wahlkampfveranstaltungen halte. Wer sich wirklich von Inhalten überzeugen lassen will, sollte die Parteiprogramme lesen. Und das mache ich jetzt mal.

Naja, eigentlich haben Parteiprogramme ja auch mehr ornamentalen Charakter…
Stephan am 30. August 2005 um 1:32 Uhr